(17) Montag, 30. September 1991

Hab gerade Doro angerufen, um zu erfahren, was sich bezüglich des MAGGOTS-Gigs im Café Swing getan hat, als sie mir eröffnet, dass RUFF ‚N ROLL erstmal auf Eis gelegt sei, da im Moment keine Kohle mehr verfügbar ist, um noch ’ne Band neu zu signen…

Na, klasse.
Das war dann das Kapitel RUFF ‚N ROLL und Platte und so…

Aber Doro meinte auch noch, dass sie jetzt Zeit und Lust hätte uns zu managen und ’nen Deal an Land zu ziehen. Der Gig im Swing wird also so oder so ziemlich wichtig.

Noch ist nichts verloren…

(16) Mittwoch, 25. September 1991

Vorhin kurz mit Marcus gesprochen und er teilt mir so nebenbei mit, dass er im November keine weiteren Gigs mehr spielen wird, da er in der Zeit (an den Wochenenden) seine neue Wohnung renovieren müsste. Praktisch heißt das, dass John alle Gigs, die uns für November noch angeboten werden, absagen muss/soll/darf…
Dabei spielen wir im November nur ein Wochenende. Freitags in Hamburg, Samstags in Lübeck. Und der Gig in Osnabrück am 19. November steht noch nicht fest.
Ich frag mich, was Marcus lieber macht: Spielen oder Renovieren. Das Eine schließt das andere ja nicht aus. Soll er sich ’n paar Tage Urlaub nehmen und die Kacke in einem Zug erledigen, dann hat er auch Zeit für Gigs am Wochenende.
Aber nein, so ist’s für ihn wohl einfacher/bequemer.
Sowas versteh ich einfach nicht. Quatscht immer was von wegen Professionalität und so und dann cancelt er Gigs und auch im Dezember hat er schon für zwei Wochen Auszeit genommen, da er mit Claudia schon den Flug nach Costa Rica gebucht hat.
Wo bitte setzt er da seine Prioritäten?
Nervt mich total ab so ’ne Aktion. Auf der einen Seite will er, wie er behauptet, unbedingt Musik machen, auf der anderen Seite handelt er nach gutbürgerlichen Maßstäben und kriegt die Panik, dass er es nicht schaffen könnte seine Wohnung zu renovieren, falls wir 2 Wochenenden im November unterwegs wären…

Meine Güte, hat der Mann Probleme.
Was soll ich da erst mal sagen?
Kein Job, keine Kohle in Aussicht und keine Aussicht auf Besserung…

Mann, ich will spielen und irgendwo seh‘ ich’s nicht ein, dass sich jetzt, wo alles laufen könnte ausgerechnet Marcus querlegt, der sonst immer groß vom Spielen, spielen, spielen erzählt. Plötzlich ist es nicht Hannes, sondern Marcus, der sich ständig abseilt. Alleine die Aktionen mit Claudia auf Gigs in Westdeutschland sagen ja schon alles. Wieder einer mehr, der nach zweierlei Maßstäben handelt. Der zwar schon irgendwie will, dem aber andere Sachen immer wichtiger sein werden.

Das alte beschissene Scheiß Lied: Anstatt sich mal hinzusetzen und zu üben, was dringend notwendig wäre, wie ich auf jeder Probe wieder feststelle, denkt er an Wohnungsrenovierungen und Abhängen mit Claudia. Langsam krieg ich echt ’n Hass auf die Alte. Wenn ich bei Marcus anrufe meldet sich jedes Mal Claudia und drückt mir ’ne Viertelstunde ’n Ohr, bevor ich in die Ehre komme, mit Marcus sprechen zu dürfen.

Scheiße, wenn er morgen auf der Probe wieder nach 2 Stunden Spielen abhaut, wie gestern, weil er Hunger hatte, in Wahrheit aber heim zu Claudia wollte, dann werd ich echt sauer.
Und der Matze kann sauer werden.
Sehr sauer…

(15) Dienstag, 17.September 1991

Dirk ist fest in der Band!

John meinte in der Sternbar zu Urs: Darf ich dir unseren neuen Drummer vorstellen!
Hab’s also wieder mal geschafft und meinen Wunschkandidaten durchgebracht. Was Matze wirklich will, das kriegt er auch. Immer noch und trotz allem…

Die Jungs waren jedenfalls ziemlich angetan von dem, was Dirk draufhatte. Keiner äußerte sich offen, doch ich merkte, wie wohl sie sich alle fühlten mit unserem „Neuen“.

Na also, alles bestens. Ich habe jetzt überhaupt keine Bedenken mehr, dass wir es bis Oktober nicht schaffen werden. Morgen proben er und ich nochmal den Rest des Programms und auch nächste Woche ist Dirk tagsüber frei verfügbar. Eigentlich ist er schon dermaßen fit, dass er Samstag im Tommy Weißbecker Haus schon spielen könnte. Aber da ja eventuell Stefan Groß auftaucht (Ich glaub’s erst, wenn er wirklich da ist!) gehen wir lieber auf Nummer Sicher und machen uns mit Tom noch ’nen schönen Abend.

Aber irgendwie hab ich jetzt überhaupt keine Lust mehr mit Tom zu spielen.
Egal. Noch der eine Gig, dann ist das Thema endgültig erledigt. Und ich glaube mit Dirk in der Band, wird keiner von uns Tom auch nur eine Träne nachweinen.

Auf zu neuen Ufern.
Es kann nur aufwärts gehen.
Ich freu mich tierisch auf das, was da noch alles kommt.

(14) Montag, 16. September 1991

Heute zum ersten Mal mit Dirk geprobt. Satte 6 Stunden. John und Marcus waren auch kurzzeitig da. Bin total überrascht, wie gut Dirk das geregelt bekommt. CHANGE hatten wir nach 4-5 mal spielen besser drauf, als wir’s mit Tom je geschafft hätten. Dirk ist total heavy aber auch super groovy. Bei manchen Breaks hat er zwar noch Timingprobleme, aber an Grooves hat er ein tierisches Repertoire drauf. Er spielt die Läufe total auf den Punkt und kapiert wirklich verdammt schnell.

GETTIN‘ BETTER, SEVEN HOURS, SURF CITY und die neue Idee von mir, diesen komischen Metallica-Rap, haben wir alle genau auf den Punkt ausgearbeitet und es war überhaupt kein Stress. Wenn er die Stücke vom Ablauf her noch besser kennenlernt, werden wir noch viel Freude an ihm haben. Aber ich wage nach dieser Probe heute schon zu behaupten, dass er auf jeden Fall ’ne Verstärkung darstellt.

Klingt wie aus’m KICKER über ’nen Neueinkauf für 12 Millionen DM…
So teuer war er zwar nicht, aber ich denke, das er die absolut richtige Wahl war/ist!

Bin gespannt auf Morgen, was der Rest der Band von ihm hält. Aber eigentlich dürfte jetzt nichts mehr schiefgehen, was seine Position in irgendeiner Art noch gefährden könnte.

Ich glaube, die neuen Sachen werden mit Dirk wesentlich kompakter und tanzbarer als mit Tom. Mann, er spielt in den Strophen wirklich nur ‚Bum-Klatsch-Bum-Klatsch‘ und es geht dermaßen  ab! Ich kann endlich wieder Achtel spielen, ohne daran denken zu müssen, dass im nächsten Moment groovemäßig alles den Bach runter geht. Er hat echt irgendwas von dem D.A.D.-Drummer. So gut hatte ich ihn bei GATOR’S GRIN gar nicht in Erinnerung. Wusste zwar dass er sehr okay ist, aber dass er dermaßen einschlägt, hätte ich nie erwartet.

Matze mal wieder total euphorisch…
Und wann kommt das böse Erwachen?
Muss ja nicht. Vielleicht ist es ja doch möglich 4 Leute zu finden/gefunden zu haben, die dasselbe wollen. Und natürlich auch können. Und die ihren Weg gehen.

Bin zuversichtlich, was das Programm mit Dirk betrifft. Wir haben jetzt knapp einen Monat Zeit bis zum Auftritt auf der BID im CAFÉ SWING und bis dahin müsste Dirk das alles auf die Reihe bekommen haben. Ich träume sogar schon von ein, zwei neuen Songs bis dahin.
Mal abwarten. Es geht auf jeden fall wieder aufwärts.
Jetzt fehlt nur noch ’n geiler Job, dann kann der Herbst kommen.

(13) Samstag, 14. September 1991 – Insel der Jugend (Treptow)

BEATITUDES Abschiedsparty unter dem Motto „10 Jahre Beatitudes sind genug – Berlin atmet auf“ veranstalteten Bob Romanowski und Co. auf der Insel in Treptow ’ne riesige Abschiedsfete, zu der auch wir eingeladen wurden. Sämtliche Musiker und Bands, die schon irgendwann einmal etwas mit den BEATITUDES zu tun gehabt haben, gaben einige Songs zum Besten und erfreuten sich danach an den Freigetränken. Schöne Idee, hervorragend organisiert und ausgeführt. Bob legte vorher die Auftrittsreihenfolge fest und gestattete jeder Band nur 4 Songs. Anders wäre es bei knapp 12 Bands und diversen Einzelmusikern auch gar nicht möglich gewesen. Die gesamte Berliner Musikprominenz und solche, die sich dazu zählten, war erschienen. Von Irmgard vom LOFT (die uns bei der Gelegenheit mitteilte, dass wir trotz Nichtberücksichtigung für die Endrunde des SRW – Senatsrockwettbewerb-, einen Studiotermin erhalten hätten) bis hin zu Monika Döring, John Kennedy, den TWANG DUDES, POOR LITTLE CRITTERS, PULLY MY DAISY und LEEMAN.

Wir waren als vierte Band dran (ohne Soundcheck, wie alle Beteiligten, aber mit ’nem Sound, der doch ganz ordentlich war) und spielten CHANGE, GETTIN‘ BETTER, SEVEN HOURS und SURF CITY. Alle viel zu schnell und wieder mal viel zu laut. Egal. Für den Anlass hat’s vollauf genügt und über Tom brauchen wir uns jetzt ja auch nicht mehr abzunerven. Den Leuten hat’s gefallen und uns sowieso. Was will man mehr?

Dirk war auch dabei und die Jungs kamen auch sofort mit ihm in’s Gespräch. Lutze hatte sich eigentlich angeboten mein Auto und mich nach Hause zu fahren, aber gegen 2:00 Uhr, nach dem sechsten Joint, lag er komplett breit im Backstage rum und war zu nichts mehr zu gebrauchen…

Ansonsten war’s echt total lustig. Das heißt, ich war wieder mal ziemlich knülle aber lustig war’s trotzdem. Oder gerade deswegen?

Irgendwann nach der letzten Band wurde es dann ziemlich ruhig und wir machten uns auf den Heimweg. Das heißt die anderen machten sich auf nach Hause; Dirk, lch, Marcus, Claudia und ihre Freundin Katja, sowie Krischan, Christoph und der Basser der BEATITUDES versumpften noch ’ne Weile auf ’n Kaffee und diverse Biere in der STERNBAR. Ich bin natürlich sturztrunken gefahren, Lutz war ja aus’m Rennen. An der Potze überließen wir ihm seinem Schicksal. Gegen 4.30 Uhr kam ich in’s Bett und hatte am nächsten Morgen mit den obligatorischen Hals- und Genickschmerzen zu kämpfen. Nach exzessivem headbangen und dem Genuss von ca. 250 Päckchen Marlboro ist das auch nicht weiter verwunderlich. Aber irgendwie werd ich das Gefühl nicht los, das dies alles auch mit meinem fortschreitenden Alter zu tun hat.
Kann mich aber auch täuschen…

(12) Montag, 9. September 1991

Totale musikalische und Job-mäßige Flaute. Leben in Aspik. Nichts bewegt sich. Keine Proben, da Dirk erst nächste Woche zurück ist. Keine neuen Dates für Konzerte. Kein Job. Apollo hat sich erledigt, da Diana doch noch weitermacht. Kamratowsky ist voll besetzt, der Imbiss braucht neue Leute auch erst in zwei Wochen. City Musik erst wieder aktuell frühestens ab Winter, wenn überhaupt…

Nichts bietet sich an. Kriege langsam die totale Panik. Ich bin dieses Abhängen und Nichtstun dermaßen satt. Bin schon soweit, dass ich wirklich jeden Job annehmen würde, Hauptsache bringt Geld und ich hab was zu tun. Werd auch nicht mehr jünger, und die Zeiten, in denen das Abhängen noch so was wie ’ne gewisse Erfüllung in sich trug, sind auch vorbei. Denke mir, oh Mann, was könntest du in dieser freien Zeit ohne Geld und Job alles machen. Irgendso ein diffuses Gefühl, dass ich mich konsequent vorbereiten müsste, auf das, was da kommen soll. Was immer das auch sein mag. Irgendwas schreibmäßiges, Studium, Mucke – whatever. Aber wie gesagt, mit der Musik ist im Moment ziemliche Flaute. Mit dem Rest sowieso. Und schreibmäßig drücke ich mich geschickt um die Aufgabe rum, endlich mal ’ne Geschichte zu Ende zu bringen. Und die Sache mit’m TIP krieg ich auch nicht an‘ Start.
Was bleibt? Dumme, überflüssige Computertagebucheintragungen…
Auch nicht das Schlechteste. Aber lange nicht das Beste.

(11) Mittwoch, 28. August 1991

Nochmal mit John und Marcus gequatscht. Hab ihnen alles von Dirk erzählt. So von wegen, er wäre sofort dabei, will arbeiten, wenn nötig jeden Tag, ist total heiß auf den Job usw.
Die beiden klangen dann doch ziemlich interessiert an ihm.

Ich will ihn echt dabei haben. Er würde total gut zu uns, sowohl menschlich als auch musikalisch passen. Jedenfalls wissen die Jungs jetzt, dass auf jeden Fall ein gleichwertiger, wenn nicht sogar besserer Ersatz da wäre. Mal abwarten, wer sich noch auf die Anzeige hin meldet oder wen Hannes anschleppt.
Hoffe irgendwie, das es alles Arschlöcher sind…

Bis zum 10. September müssen wir uns entschieden haben, denn da ist Dirk wieder aus Frankfurt zurück, und wir könnten dann sofort mit ihm anfangen zu proben. Zwei Wochen Zeit, um die anderen (sofern sich welche melden) abzuchecken.
Müsste eigentlich genügen.
Morgen erstmal die 8-Spur-Aufnahmen für Dirk fertigmachen, und dann wird man weitersehen. Hoffe dass Stefan Groß es schafft, zu unserem Gig in’s Tommy-Weisbecker-Haus zu kommen. Er hat bei John angerufen und sich nochmals entschuldigt, dass er unser Date am Sonntag verpennt hat.

Hoffentlich klappt’s! Wäre Tom`s letzter Gig und bestimmt nicht der schlechteste Abgang, wenn Stefan dabei wäre und es ihm auch noch gefallen würde. Toi toi toi!

(10) Dienstag, 27.August 1991

Heute ist Probe angesetzt. Wollen Tom mitteilen, dass er gefeuert ist. Er kommt uns aber zuvor, und teilt uns mit, dass er wieder fest bei ‚Die Art‘ einsteigen würde.
Schluck.
Damit hätte wohl keiner von uns gerechnet, dass auch er sich über’s Wochenende entschieden hat…
Wird noch ’n total gutes Gespräch mit ihm. Er will auch unbedingt noch die beiden Gigs im September mitspielen. Also haben wir bis Mitte Oktober Zeit seinen Nachfolger einzuarbeiten.
Mir fällt ein Stein vom Herzen, dass die ganze Sache doch noch so locker über die Bühne ging. Wollen am Donnerstag mit ihm noch schnell unser Programm 8-Spur-mäßig aufnehmen, damit der Neue alle Stücke auf Band hat.
Tja, wer wird das wohl sein?
Bin immer noch 100 % für Dirk von GATOR’S GRIN.
Hab mit ihm auch vorhin noch mal telefoniert und er wäre sofort dabei!
Was will man mehr?

(09) Sonntag, 25. August 1991

Wollten uns eigentlich mit Stefan Groß vom Ruff’n’Roll-Label (auf dem u.a. auch Stone Cold & Crazy ihr Debüt veröffentlicht hatten) heute Abend um Mitternacht in ’ner Kneipe in 36 treffen, um abzuchecken, was nun alles in Bezug auf Platte und so laufen sollte und überhaupt. Um 23 Uhr ruft Stefan bei Doro, unserer Managerin an und sagt ab, da er unser Meeting total vergessen hatte und noch in Osnabrück ist.
Oh oh…
Hoffentlich hat er’s wirklich nur vergessen und gibt uns nicht dezent zu verstehen, dass er eigentlich kein Interesse mehr an uns hat.
Na ja, mal abwarten.
Tom, unser Drummer, ist auch nicht aufgetaucht.
Jetzt ist sogar für mich die Sache erledigt. Er wartet darauf, dass wir ihm die Entscheidung abnehmen, was wir heute Nacht auch getan haben: Ab Morgen sind wir offiziell auf der Suche nach ’nem neuen Schlagzeuger.
Und falls wir nicht auf die Schnelle ’nen geeigneten Ersatz finden, frag ich mal bei Dirk von Gator’s Grin oder Spank von Louder Than God nach, ob sie uns nicht aushelfen wollen. Denn ich geh‘ mal davon aus, dass Tom, wenn er von seinem Rausschmiss erfährt, nicht mehr allzuviel Lust hat, noch mit uns zu proben, geschweige denn, die anstehenden Gigs ab September noch durchzuziehen.
Jetzt geht zwar die ganze Rumsucherei nach ’nem geeigneten Ersatz wieder los, aber immer noch besser als dieses leidige Dauerthema immer und immer wieder theoretisch durchzukauen, ohne Aussicht auf irgendwelche Veränderungen zum Positiven von Seiten Tom.
Is‘ schon okay so. Es gibt viel zu tun.
Mal sehen, was passiert…

(08) Wiesensteig – Open Air [17.8.1991]

Treffpunkt: 7:00 Uhr am neuen Proberaum in Tempelhof. Hab nur 3 Stunden heute nacht gepennt, weil ich dauernd von irgendwelchen Mücken gestochen wurde und außerdem auch noch kein Stuck müde war. Dementsprechend fertig holt mich John im Ford Transit kurz vor Sieben ab. Kommen fast als Letzte am Proberaum an. Nur Tom fehlt noch. Ich kann es nicht glauben: Lutze ist früher da, als ich! Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Heute wäre ich auch ziemlich sauer auf ihn gewesen, wenn er nicht oder unpünktlich gekommen wäre. War eigentlich seine letzte Chance, und er hat sie echt genutzt. Kriegt heute auch genug zu tun, denn keiner von uns (außer Marcus, der sich mit Claudia’s Toyota auseinandersetzen muss, da er sie unbedingt dabeihaben wollte, weil sie Sonntag Geburtstag hat und überhaupt und so) hat noch großartig Lust 8 Stunden den Bus zu fahren und dann auch noch auf der Bühne die große Action zu machen.

Also fährt Lutz. Und abgesehen von einigen typischen Lutz-Aktionen eigentlich auch ganz gesittet. Mache erstmal Beifahrer. John pennt auf der nächsten Sitzreihe und Hannes und Tom haben es sich auf der Rückbank bequem gemacht. Marcus fahrt wieder mit Frau in deren Toyota. Wetter sieht gut aus: bewölkt und zum Glück nicht mehr so heiß, wie auf unseren letzten Trips nach Aalen und Heubach. Können straight durchfahren. Keine Staus, nur total touriverseuchte Raststätten und Parkplätze. Fühl mich gut, freu mich total auf den Gig und die Bellies!
Hoffentlich gibt’s Hotel…

Wiesensteig Open-Air (17.8.1991) 2Der Autor: Verwahrlost und ratlos. Normalzustand auf Tour.

Knapp 40 KM vor unserem Bestimmungsort bemerkt Marcus am Steuer des Toyota plötzlich, dass ihm das Benzin auszugehen droht und gibt uns das auch unmissverständlich durch Handzeichen zu verstehen. Leider gelingt es mir nicht, ihm klarzumachen, dass wir bei der übernächsten Abfahrt sowieso rausfahren und einige Kilometer über die Dörfer müssen. Marcus erobert sich im Sturm die interne Eselsmütze von Lutz, indem er auf eigene Faust und auf gut Glück die nächste Ausfahrt nimmt und in einem Affenzahn durch die schwäbischen Dörfer, auf der Suche nach ’ner Tankstelle, prescht. Er weiß als gebürtiger Berliner natürlich nicht, dass die Chance, an einem Samstagnachmittag auf diesen Käffern ’ne offene Tankstelle – überhaupt ’ne Tanke – zu finden 1:1000 stehen. Nachdem er schon drei Dörfer hinter sich gelassen hat, gelingt es uns endlich ihn mit Hilfe der Lichthupe und hektischen Handzeichen zum Anhalten zu bewegen. Lutz grinst. Seine Eselsmütze ist er jetzt erstmal los. Doch nur für kurze Zeit, wie sich später noch zeigen sollte.

Halte Marcus erstmal ’ne wohlverdiente Standpauke und erkläre ihm anhand der Straßenkarte, welche Richtung uns unserem Ziel, trotz Überlandfahrt, näher bringt. Übernehmen mit dem Bus die Führung. Irgendwann finden wir dann endlich ’ne Tankstelle und jeder ist irgendwie zufrieden.
Marcus sieht schick aus, mit seiner Eselsmütze!

Wiesensteig Open-Air (17.8.1991) 6Pisspause. Beliebt seit 1871.

Bis nach Wiesensteig gibt’s dann keine weiteren Zwischenfälle mehr und im Ort selbst sind überall Hinweisschilder in Richtung des Open-Air Festivals aufgehängt. An einem Kontrollpunkt, respektive der Kasse, gibt’s Stempel für alle und Lutz kann’s wieder mal nicht lassen und labert mit so ’nem besoffenen Schwein blöde in der Gegend rum. Steh kurz vor’m Koller. Es ist knapp 14 Uhr und wir sind mal wieder viel zu früh. Aber schöne Landschaft, schöne Häuschen, schönes Tal, schone Wälder. Echt idyllisch.

Die Bühne ist der hintere Teil eines Festzelts und das Publikum kann sich an einem ziemlich steilen Skihang lümmeln. Echt geile Optik. Falls irgendwelche Leute auftauchen. lm Moment sieht’s eher verlassen aus.

Parken den Bus direkt im Zelt, genau hinter der Bühne. Hannes öffnet sein erstes Bier, Lutz dreht ’nen Joint, Tom guckt sich um und John und ich suchen den Veranstalter zwecks Hotel. Is aber vorerst nix mit Hotel. Gelingt denen irgendwie nicht die Schlüssel aufzutreiben, da die betreffende Pension eigentlich noch Sommerurlaub hat und sie nur wegen uns ’ne Ausnahme machen. Aber irgendwie sind die Besitzer zur Zeit nicht auffindbar. Also keine Schlüssel, kein Hotel, keine Dusche und kein Bett. Abhängen im Zelt und/oder Bus/Wiese ist angesagt.
Ah, Dreck…
Fühl mich wie ausgekotzt.
Die Anderen scheint’s nicht weiter zu stören. Packen sich alle an den Skihang, trinken Bier, rauchen ihre Joints und lassen sich’s gut gehen. lch bin mal wieder nur genervt. Wie üblich, wenn etwas nicht so läuft, wie ich’s mir vorstelle. Besorge mir erstmal ’nen Döner. Oder besser das, was hier im Schwäbischen unter der Bezeichnung Döner firmiert. lrgendwelche gegrillte, undefinierbare Pampe eingebettet in ein Fladenbrot, garniert mit ’ner riesigen Tomatenscheibe und diversen Salatblättern. Aber die Krönung ist das Kilo Tsatziki, das mir der Typ obendrauf klatscht. Wie bitte soll man sich das alles in die Kauleiste schieben, ohne sich vorher die Spannweite der Kiefer chirurgisch verändern zu lassen? Muss mich wohl oder übel erstmal vom Tsatziki trennen. Sieht aus wie frisch erbrochen, wie es da so an der Beifahrertür des Busses vor sich hinmodert…
Mehr als die Hälfte krieg ich von dem Teil nicht runter und pfeffer es ihn in die Pampa, als mich so’n Typ anquatscht und wissen will, ob wir dem Basser seiner Band wohl unseren (meinen!) Bass für den Gig leihen könnten. Er hat in der Hektik nämlich alles irgendwie in München vergessen. Jo, do schau her! A bayrische Bloas-Kopelle!
Ja ja, kriegt er schon, meine ich. Der Typ ist echt voll happy, dass wir/ich so arg nett sind/bin. Gebe ihm mein teures und liebstes Stück (schwarzer Fender Preci mit weißem Schlagbrett) und die bayrische Bloas-Kopelle amüsiert sich köstlich über das Nacktfoto von Madonna auf der Rückseite.
Froh zu sein bedarf es wenig…

Inzwischen ist die erste Band schon am Aufbauen. Schwäbische Musiker scheinen echt gut zu verdienen, denn was da an Equipment auf der Bühne rumsteht, davon träum ich immer noch. Sind wahrscheinlich alle Versicherungsvertreter oder Angestellte von Daimler-Benz und/oder Porsche oder haben einfach nur reiche Eltern, denn mit ihrer Mucke ist wohl kaum Kohle zu machen. Deutscher Fun-Punk mit Reggea-Einschlag übelster Sorte. Dafür würde sich außerhalb Schwabens kein Schwein mehr interessieren. Aber hier in der Heimat kommen die Jungs super an.

Da ich eh nichts besseres zu tun habe, erkunde ich das Gelände. Irgendwelche Hippie-Händler sind gerade damit beschäftigt ihre Stände aufzubauen. Alles mehr oder weniger mobile Head-Shops. Kifferzubehör, T-Shirts, Aufkleber aus der APO-Zeit (oder noch früher), Platten – darunter diverse, obskure Bootlegs – Cowboyhüte, Schals; jede Art von Hippie-Firlefanz. Aber auch gute T-Shirts. Leihe mir von Marcus DM 25 und kaufe mir ’n Jim Morrison-Teil, ganz in schwarz. Vielleicht etwas peinlich aber was soll’s? Gebe dem Typ die Kohle – passend! – und er gibt mir DM 15 zurück. Na, da will man nicht meckern, denke ich mir, halte das Geld in Umlauf und nehm‘ mir sogleich ’ne Baseballmütze mit.
Schöner Stand, schönes Geschäft, schöner Tag!

Und es wird noch schöner, denn die Bellies treffen gerade ein. Herzliche Begrußung mit Tom und Peter. Freu mich echt die beiden zu sehen. Begrüße den Rest der Band. Auch Andreas ist nach seinem langen Krankenhausaufenthalt wieder mal mit dabei. Mit ihm müssen wir später eh noch diese ganze Manager/Promotor-Geschichte bequatschen. Er will uns managen, doch wir wollen im Moment eigentlich nur, dass er uns wie bisher, Gigs verschafft.
Egal. Später.

Die erste Band ist inzwischen endlich fertig und jetzt ist die bayrische Kapelle dran (und der Basser mit meinem Bassi). Danach wir und als Abschluss die Bellies.

Der Veranstalter taucht auf und teilt uns mit, dass die Schlüssel jetzt verfügbar seien. Lutz, Tom und ich checken die Pension. Viel Zeit bleibt nicht. Eine schnelle Dusche, kurz das Bett getestet – das war’s. Aber ’n bisschen frischer fühl ich mich schon. Teile das Zimmer mit Tom. Ansonsten ist noch alles offen. Die Wirtin erklärt mir, dass unsere Schlüssel nur für den Seiteneingang passen; der Haupteingang habe ein gänzlich anderes Schloss. Alles klar, muss man nur wissen. Aber ich kann ja nicht überall sein (siehe später, Rubrik: Eselsmütze).

Das Hotel ist echt schwäbisch-schnuckelig-süß. Wie überhaupt das ganze Örtchen. Fachwerkhäuser, enge Gassen, kleine Straßen. Man läuft echt Gefahr das alles in der Niedlichkeitsform zu beschreiben, weil es nämlich genau das ist: niedlich. Eine typisch schwäbische Light-Stadt ohne Kalorien. Gesund, reich, deutsch und bodenständig.
I love it!

Wiesensteig Open-Air (17.8.1991) 3 Wiesensteig Open-Air (17.8.1991) 4On their knees:
EM5-Tom, das Autor, Bellies-Tom.
Not on their knees:
Hannes, John, Marcus und weiblicher Eiersalat, Peter, irgend-so-’n-Typ, Pensionchefin

Fahren zurück zum Open-Air und kommen genau richtig zum Abbau der zweiten Band. Parken wieder Chefmäßig direkt hinter der Bühne und starten unseren Aufbau. Erstmal ’n Bier jetzt. Soviel Zeit muss sein. Spiele über Peter’s Bassbox und meinen Amp. Macht tierisch Lärm, das Teil. Ergattere mir sogar noch den Nady-Sender von Rolf, dem Gitarristen der Bellies. Kann jetzt eigentlich gar nichts mehr schiefgehen.

Die P.A.-Fritzen sind total professionell. Alles im Griff. Der Monitormixer ist echt geil. Fährt einen super Bühnensound. Höre alle Stimmen und lnstrumente glasklar (sogar Hannes‘ Gitarre).Der Sound hier oben wummst echt mächtig. Als wir CHANGE zum Soundcheck spielen haut’s mich echt um: Wahrlich bester Bühnensound seit Huxley’s Neue Welt und Iggy Pop! Da macht das Musizieren/Arbeiten echt Laune. Jetzt fehlen eigentlich nur noch mehr Leute, dann kann’s echt gut abgehen. Dunkler wird’s auch schon; was will man mehr?

Jeder nimmt noch ‘n Schluck aus der Pulle, dann geht’s los. Beobachte, wie sich immer mehr Grüppchen vor der Bühne versammeln – hauptsächlich Mädels, wie üblich – um zu kieken, was wir da so machen. Und alle bleiben/tanzen bis zum bitteren Ende. Nach dem ersten Song spüre ich, dass ich total außer Übung bin. Der erste Gig seit über einem Monat und ich beginne mich total zu verkrampfen. Au weia. Den anderen geht’s auch nicht besser. Tom glänzt mit seinen üblichen Timingschwankungen und seinem Geschick, dermaßen um den Beat herumzuspielen, dass es eine wahre Freude ist. Bin mal gespannt, ob John’s Stimme das bis zum Ende durchhält. Egal. Bin trotzdem total gut drauf. Hab’s echt vermisst. Bange his zum Abwinken, was ich morgen wieder einmal mit tierischen Genickschmerzen zahlen muss. Fuck it.

Wiesensteig Open-Air (17.8.1991) 1Das Autor: Gerade mal nicht bangend.

Habe irgendwie das Gefühl, als achte Marcus mehr auf Tom’s Spiel, als auf unsere Show, kann mich aber auch täuschen. GIRLS BRIGADE kriegen wir vocaltechnisch total gut hin. Ist schon ’n Riesenunterschied, ob man sich auf der Bühne hört, oder ob man auf Verdacht mal die zweite Stimme probiert. Geiles Gefühl.

Wiesensteig Open-Air (17.8.1991) 5
Das Marcus: Verschwommen.

Tom ist wieder mal wirklich auffällig daneben. Merkt im Publikum eh keiner, aber darum geht’s ja auch nicht. Fühle mich des Öfteren vom Schlagzeug einfach im Stich gelassen. Siehe Strophe von SURF CITY. Wir müssen uns echt was einfallen lassen bezüglich dieses Dauerthemas. Und noch etwas wird mir klar: Ich brauche unbedingt so einen Nady-Sender! Oh Mann, das ist ein Riesenunterschied zu Kabel. Man kann auf der Bühne einfach machen was man will. Kein Überlegen mehr, ob das Kabel wohl bis dahin oder dorthin reicht, kein Kabelsalat mit Marcus mehr, und vor allem: keine kaputten Kabel als Störquelle! Gütiger Gott, wenn es dich gibt: Lass mich Rockstar werden und eine Unmenge Kohle machen oder im Lotto gewinnen. Am Besten beides!

Wiesensteig Open-Air (17.8.1991) 7
Das Ronson: Am Mikro. Auch leicht verschwommen.

Hannes fängt gerade mit dem Riff von NO DAY an, als plötzlich der gesamte Saft weg ist! Mit einem Schlag ist es stockfinster und sehr still (bis auf die Unmutsbekundungen seitens des Publikums). Will ihnen erklären, dass EGGMEN FIVE bisher noch jede Sicherung geknackt haben, aber keiner versteht mich. Alle bleiben ziemlich gelassen, denn so ’ne unverhoffte Bierpause hat auch was für sich. Die Typen von der P.A. Haben’s aber relativ schnell wieder im Griff. Echt den Blick, die Jungs. Der Stromausfall tut der guten Stimmung, die inzwischen auch im Publikum herrscht, jedoch keinen Abbruch. Die meisten tanzen inzwischen, bangen oder hüpfen einfach nur wild in der Pampa rum.

Wiesensteig Open-Air (17.8.1991)
Das Marcus und das Autor: Sich brüderlich ein Mikro teilend.
Und natürlich obligatorisch verschwommen.

Der eingebaute Mitgröl-Teil von SURF CITY klappt inzwischen bestens und die Leute steigen echt super drauf ein. Bei LIKE SUICIDE verhaut Tom mal wieder die Anfangseinsätze und TOUGH TIMES knallt irgendwie noch nicht so wie gedacht. Egal. Die Leute holen uns nochmal für ’ne Zugabe zurück. TEENAGE KIX und BLITZKRIEG BOP klappen hervorragend. Jeder ist am Pogo tanzen. Da die Schwaben noch immer nicht genug haben setzen wir noch SLEEPING MY DAY AWAY von D.A.D. drauf.
Das war’s dann auch. Die Bellies wollen ja auch noch ran. Und außerdem können wir uns ja immer noch später bei der gemeinsamen Session austoben.

Packe mein Zeugs zusammen und frage mich, wo sich Lutz rumtreibt, der sich schließlich als Roadie angeboten hatte. War wohl nix. Tja, da müssen wir wohl noch dran arbeiten. Bunkere mir ’n paar Biere und wünsche mir – nicht zum ersten Mal -, eine Dusche direkt nach dem Gig. Iss aber nicht. War bis jetzt noch nie. Mein toter Punkt ist überwunden, bin halbwegs mit mir und dem Gig zufrieden und außerdem auf dem beste Wege mir einen anzuballern. Hunger hab ich schon längst keinen mehr. Im Gegensatz zu Hannes. Der fährt sich erstmal ’ne amtliche Ladung fettiger Pommes mit Mayo ein. Die anderen wirken alle irgendwie erledigt, inklusive Lutze. Nur John ist bester Laune. Beschließen uns gemeinsam und gesittet zu betrinken. Hannes und Tom knacken inzwischen im Bus ab, Lutz dreht einen Joint und Marcus und Claudia sind nirgends zu entdecken.

John und ich strolchen ein wenig durch die Gegend, werden von einigen erkannt und schulterklopfenderweise wieder entlassen. Kennt man ja. Als wir wieder zum Bus zurückkommen (die Bellies spielen inzwischen schon) treffen wir auf Marcus, Lutz und Claudia. Die drei wollen in’s Hotel, sind total erledigt. Mache Lutz klar, dass John und ich auf dem besten Weg sind fahruntauglich zu werden, was Lutzes Herz erweicht und ihm das Versprechen abringt, sich später von Marcus noch mal hierher fahren zu lassen, um seiner Pflicht als Fahrer Genüge zu tun. So kennen und lieben wir ihn! Dem amtlichen Besäufnis steht nichts mehr im Wege.

Lutz und Marcus schnappen sich die Zimmerschlüssel und machen sich in Claudias Toyota auf den Weg. Etwa 20 Minuten später steht plötzlich wieder Marcus vor uns. Erzählt irgendwas von Schlüsseln, die angeblich nicht in’s Schloss passen und so. Erkläre ihm, dass er den Seiteneingang benutzen müsse. Was Lutze aber eigentlich auch wissen sollte, er war ja schließlich anwesend, als wir Schlüssel bunkerten. Wobei die Betonung auf anwesend liegt, was nicht automatisch dabei-sein bedeutet. Bei Lutz sowieso nicht.
Marcus entschwindet vollends aufgeklärt Richtung Hotel.

Wiederum 20 Minuten später steht plötzlich Claudia vor mir.
Mir schwant Böses…
Der Schlüssel würde auch in den Seiteneingang nicht passen, teilt sie mir ziemlich aufgelöst mit. Gratuliere ihr erstmal zum Geburtstag, in der Annahme, es sein schon nach Mitternacht und unterziehe dann den Schlüsselbund einer genaueren Inspektion. So genau jedenfalls, wie mein aktueller Alkoholpegel das zulässt. Tja, Pech gehabt. Die drei, die sich das Zimmer teilen, haben den einzigen Schlüsselbund erwischt, an dem sich nur die Zimmerschlüssel befanden, nix Haustürschlüssel! Gebe ihnen meinen kompletten Schlüsselbund – inkl. Haustür- und Zimmerschlüssel -, mit der Bitte um Zurückgabe. Claudia entschwindet wieder gen Hotel. Aber wie kommt jetzt Lutz und mein Schlüssel wieder hierher? Einzige Möglichkeit: Marcus fährt Lutz (und Schlüsselbund), nachdem sie ihr Zimmer in Beschlag genommen haben, nochmal zurück auf’s Festival und fährt dann wieder alleine  zurück in’s Hotel.
Für einmal Türe aufschließen insgesamt 7 x fahren.
Einfacher geht’s kaum.
Auch ’ne Möglichkeit, sich die Langeweile zu vertreiben…
Tja, aber wer hat nun letztendlich die Eselsmütze?
Ich glaube, die ist groß genug, die reicht für beide.

Lutze ist jetzt jedenfalls wieder hier und hat irgendwie überhaupt keine Lust auf Party. Im Gegensatz zu mir und John. Wir tanzen vor der Bühne rum, nerven die Bellies mit unseren „Ausziehen, ausziehen!“-Rufen und lassen es uns ziemlich gutgehen. Bin inzwischen dermaßen breit, dass ich am Liebsten sofort auf gleich hier und jetzt auf die Bühne springen und die Session starten würde. Übe mich notgedrungen in einer Disziplin, die mir fremd ist und sich Geduld nennt, und halte mich weiterhin an’s Bier.

Veranstalter ist echt Klasse. Besorgt uns ständig Alknachschub und die Musiker sind total zufrieden mit dem 1a Service. Die Bellies machen wirklich ’ne ganz schöne Action auf der Bühne, obwohl Peters immer gleichen Ansagen/Geschichten auf die Dauer ziemlich nerven. Aber sind wirklich ’ne geile Party Band. Kann man nix sagen. Alles tanzt und jeder hat seinen Spaß.
Bei der letzten akustischen Zugabe, LEAVING ON A JETPLANE, sind John und ich schon auf der Bühne und versuchen die zweite Stimme zu finden, was uns mehr oder weniger gut auch gelingt. Dann weckt John Hannes, der die ganze Zeit im Bus neben der Bühne gepennt hat aus seinen schönsten Traumen, drückt ihm dessen Klampfe in die Hand und schiebt ihn auf die Bühne. Und Hannes ist sofort voll da! Vielleicht sollte ich mir nach den Gigs auch fettige Pommes mit Mayo reinschieben. Ist anscheinend super für die Kondition!

Wir spielen mal wieder alles, was uns so einfällt und was jeder so halbwegs kennt. Durch unsere gemeinsame Session in Heubach haben wir ja genügend Material. Ich am Bass, John am Tambourine, Peter am Gesang, Hannes und Rolf, der Gitarrist der Bellies, an den Klampfen, Bellies-Tom an den Drums. Von ROCKlN‘ IN THE FREE WORLD über BLITZKRIEG BOP und Marius‘ PFEFFERMINZ his hin zu AC/DC und R.E.M. ist uns nichts zu peinlich. Nicht mal irgendwelche Mädels während eines Rock’n’Rolls in G auf die Bühne zu holen, wie John das macht, und gemeinsam einen abzuhotten. Als Abschluss schnappt sich Peter die Akkustikgitarre und intoniert mit John, Tom, Hannes und mir zusammen THOSE WERE THE DAY MAY FRIEND. Bis auf Peter und Tom hat zwar keiner von uns Ahnung, wie der Text geht, aber  bei „lalalalalala“ kann man ja nicht viel falschmachen. Die Leute sind jetzt echt total gut drauf/besoffen und wollen uns gar nicht mehr von der Bühne lassen. Uns fällt aber kein anständiger Song ein, den wir noch verunstalten könnten.
Doch! HOT LOVE von Marc Bolan!
Ich schnappe mir die Akkustische und lasse die Leute singen. Total geil! Nach dem Schlusschorus („Nanana- nananana“) stelle ich die Klampfe zur Seite und die Leute singen alleine weiter, bis sie dann irgendwann aus’m Takt kommen oder nicht mehr wissen, wie’s weitergeht. Echt geil. Richtig U2-mäßig 😀

An die direkten Minuten nach der Session kann ich mich nicht mehr erinnern. Sitze irgendwo, halte mich an meinem Bier fest und bin happy. Bin eins mit der Welt, meiner Musik, der Band, mit mir und überhaupt. Es gibt kein Morgen, kein Gestern; nur dieser Augenblick zählt. Und ich weiß mal wieder, warum ich diese ganze Scheiße, die sich Musikmachen nennt, auf mich nehme. Diesen Frust manchmal, die Zweifel, die Nackenschläge, den Stress, die Hektik…
Alles ist vergessen – es zählt nur noch dieser Moment nach dem Konzert, alleine mit mir, meinen Gedanken und einer Flasche Bier. Die reale Welt, mit all ihren Problemen wie Geldnot und Zukunftsangst ist so weit weg, dass ich nicht sicher bin, ob sie überhaupt jemals existiert hat. In solchen Momenten liegt mein Weg wieder so deutlich vor mir, dass ich eigentlich nur noch losgehen müsste. Und dann stelle ich wieder mal fest, dass ich schon längst ein gutes Stick des Weges hinter mich gebracht habe. Und es erstaunt mich jedes Mal, wie sehr ich das alles immer noch und vor allem immer wieder will. Und ich spüre, dass es das Richtige für mich ist. Etwas anderes ist wahrscheinlich auch gar nicht mehr möglich…
Aber diese Erkenntnis macht mir keine Angst, sondern lässt mich sehr, sehr ruhig werden. Ich weiß, es hat alles seine Richtigkeit und ich folge meinen Instinkten.
I’m on my way…

Nach schier endloser Warterei auf die Bellies kommen wir dann so gegen 1 Uhr doch noch alle im Hotel an. Im Schlepptau der Bellies diverse weibliche Eiersalate, ein original Wiesensteiger Bierbrauer und ungezählte Unbekannte, die immer da sind, wo noch was los ist. Bier haben wir uns genügend gebunkert und im Zimmer von Tom und Peter ist auch noch irgendwie Platz.
Lutz und ich labern über irgendwelche alten Pfälzer Abenteuer, John rettet eine Lady vor den Anmachversuchen des Saxophonisten der Bellies, Peter baggert, Tom baggert, Rolf baggert, Hannes trinkt und legt sich dann ab und unser Tom trinkt nur. Ich stehe ihm in nichts nach und gebe gegen 3 Uhr 30 Uhr den Löffel ab. Spüre noch die sich ankündigenden Hals-, Genick- und sonstigen Schmerzen, die meistens das Ergebnis solcher Tage bzw. Nächte darzustellen pflegen, und entschlafe mehr oder weniger lautlos.

Mein Allgemeinzustand am Morgen danach lässt sich am Besten mit dem Begriff tot umschreiben…